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Big Mama is watching you!

“Lass bloß dein Handy an, ich muss wissen, wo du bist!”

 

Von Birgit Eickenberg

 

In einem gewissen Alter erkunden junge Mädels und Buben die Welt. Zuerst einen Straßenzug weiter, beim nächsten Mal geht der Nachmittagsausflug bis in den nächsten Wald oder in den nächsten Ortsteil. Spätestens nach Beendigung der Grundschule und Wechsel auf eine weiterführende Schule, die nicht selten nur mit dem Bus zu erreichen ist, werden die wilden Kleinen richtig flügge. Das ist auch wichtig für die Entwicklung der Kinder, sich vom Elternhaus ein weiteres Stückchen abzunabeln und wirklich mal ohne die gewohnte Obhut von Mama oder Papa durch die Gegend zu streifen.

 

Für manche Eltern ist das ein Besorgnis erregender Gedanke – was da alles passieren kann. Aber Generationen vor ihnen haben den gleichen Entwicklungsprozess, der auch für die Eltern wichtig ist, durchlaufen. Jetzt gibt es aber einen neuen Service, der sich wie ein Schwelbrand bei Mobilfunkbetreibern und Anbietern mit einem Näschen für ein gutes Geschäft durch schlängelt. Es werden spezielle Handys für Kinder angeboten, mit ganz besonders ausgefeilten Tastenkombinationen wie Panik-Taste oder Home-Taste  und einem Überwachungsdienst, mit dem fürsorgliche Eltern zur „Freude“ ihrer Kinder jederzeit kontrollieren können, wo sich die lieben Kleinen aufhalten, vorausgesetzt natürlich, das Handy ist allzeit bereit und ständig an!

 

Kinder nehmen ungerne Handtaschen oder Rucksäcke mit, nur um ein Handy sicher zu transportieren. Also, ab damit in die Hosentasche, unmittelbar angeschmiegt an die Genitalien. Oder lieber in die Jacken oder Hemdtasche in Herznähe? Hauptsache, das Ding bleibt an, hat Mama gesagt. Die Ärztekammer sagt da aber etwas anderes und warnt eindringlich davor, Kinder und Jugendliche einer Dauerbestrahlung auszusetzen bzw. ihnen überhaupt ein Handy zu überlassen. (www.aek.or.at/index.php, auf Aktuelles klicken, dann Archiv!) Gerade Erbgutschädigungen können nicht ausgeschlossen werden.

 

Wir sprachen mit der Projektleiterin für Toggo Mobile Ester Möllemann, welche Gedanken sich der Kindersender Toggo sich dazu gemacht hat. Nicht nur Tchibo, auch Toggo bewirbt intensiv ein Kinderhandy und einen speziellen Tarif dafür. Frau Möllemann erklärt folgendes: „Viele Kinder haben zu Ostern, Weihnachten oder zum Geburtstag den Wunsch, ein Handy zu bekommen. Wir sind von Eltern angesprochen worden,  die sich außer Stande sehen diesem Wunsch entgegen zu wirken. In Bezug auf Kostenkontrolle im Tarifdschungel und einer Sicherheitsfunktion des Handys wollten diese Eltern Rat von uns. Darum haben wir uns im Vorfeld intensiv mit dem Bundesamt für Strahlenschutz auseinander gesetzt. Die führen gerade Studien zu den Handyrisiken durch und konnten uns Gefahren abschließend nicht bestätigen. Die Eltern fühlen sich hilflos im Handy-Wirrwarr und wir bieten nun ein Handy an, welches unschädlicher ist und kindgerecht. Das ausgewählte Handy hat den empfohlenen SAR-Wert von 0,5. Die Experten haben uns gesagt, das ein SAR-Wert unter 0,6 unschädlich ist.“

 

Das wollten wir genauer nachfragen und haben auch mit dem Bundesamt für Strahlenschutz gesprochen. Die zuständige Dame Frau Haake bestätigt, dass dies der empfohlene Wert ist. Sie ergänzt aber auch: „Wie das bei Studien, die noch nicht abgeschlossen sind so ist,  kann auch bei diesem Wert eine Schädigung noch nicht ausgeschlossen werden. Dazu müsste man erst das Ergebnis der Studien abwarten.“

 Auch die Bürgerwelle e.V., die den maßlosen Umgang mit Handys schon lange anklagt und viele Daten aus verschiedenen Untersuchungen ausgewertet hat, ist besorgt im Hinblick auf den neuen Trend der speziellen Kinderhandys. Der erste Vorsitzende Siegfried Zwerenz erklärt im Gespräch mit Ökostadt Rheinland e.V. deutlich die Bedenken: “Zwischenzeitlich ist durch viele seriöse wissenschaftliche Studien belegt, dass sich durch Handytelefonieren das Kopftumorrisiko um mehr als vervierfacht. Das Bundesamt für Strahlenschutz warnt zwar inzwischen schon vor WLAN und empfiehlt besser per Kabel im Haus und in Schulen Daten zu übertragen. Aber im Bereich von Handys ignoriert es den wissenschaftlichen Erkenntnisstand und verharrt im Dornröschenschlaf.

Ein Handy erzeugt im Standby-Betrieb (Bereitschaft) laufend periodisch gepulste niederfrequente Magnetfelder, deren kurzzeitige Spitzenflussdichten biologisch relevante Werte annehmen können. Somit wird z.B. das Immunsystem geschwächt. Mit Kinderhandys wird die Besorgtheit von Eltern schamlos ausgenutzt und damit Geschäfte gemacht. Es mag zwar hart klingen, aber ein Handy in Kinderhand ist grob fahrlässig. Z.B. ist die Erbgutschädigung durch Handys recht gut belegt. Denken Sie daran, wenn Sie einmal gesunde Enkel möchten. Es ist wichtig, dass Eltern diese Informationen bekommen, damit sie richtige Entscheidungen treffen können.“

 

Die meisten Eltern ahnen ja bereits, dass die Handynutzung der Gesundheit schadet. Da wird das Handy oft als Notfallhandy bezeichnet und man hofft, dass das Handy auch nur bei Notfällen gebraucht wird. Aber dazu muss es ständig griffbereit eingeschaltet sein und der Akku muss voll sein, darf also nicht durch SMS, Fotos, MP3-Liedern, Klingeltönen oder Videos auf den Nullpunkt geraten. Wenn das Handy also mehr eine Überwachungsfunktion haben soll, darf der Gedanke erlaubt sein, welche psychologischen Folgen dies hat. Das Kind fühlt sich ständig überwacht: „Mama weiß alles, ich bin für sie ständig erreichbar.“ Zu diesem Thema fragen wir eine ortsansässige Pädagogin, die folgendes zu bedenken gibt: „Ich sehe in solch einer Form der Überwachung für das Kind eine absolute Herausforderung zu lügen. Kinder müssen jedoch ehrliche Verantwortung lernen dürfen, ich halte diese penetrante Aufsicht für eine krampfhafte Unselbständigkeit dieser Eltern. Wahrscheinlich haben diese Eltern zu viel Krimis geschaut. Da werden ja ständig Kinder entführt. Eine hohe Prozentzahl der Vielfernsehschauer hält das auch in der eigenen Familie für möglich. Und die wirkliche Gefahr, dass das Kind Opfer eines Sittenstrolches wird, ist ja nachweislich dermaßen gering, die meisten Übergriffe passieren innerhalb der Familie!

Eigentlich ist so ein Gerät auch nur Selbstbetrug der Eltern, eine Sprachlosigkeit Dinge beim Namen zu nennen und in der Familie zu erklären und zu besprechen. Elektronik als Ersatz für Fürsorge…das ist nicht echt, nur äußerer Schein. Die familiären Gespräche werden meiner Meinung nach dadurch behindert. Da die Eltern sowieso schon alles wissen, wann man wo ist, braucht Kind sich auch nicht mehr mitzuteilen und die Eltern laufen Gefahr, nicht mehr zu fragen, da sie sich in Sicherheit wiegen.“ 

 

Der psychologische Effekt der Abhängigkeit vom Handy, von der Überwachung und der Hang zur Unselbständigkeit der Kinder darf auch nicht unterschätzt werden. Jederzeit sind die Eltern erreichbar, wenn ein Kind nicht weiß, wie es sich verhalten soll z. B. in einer Konfliktsituation unter Gleichaltrigen. Vielleicht ist ein Kind unsicher, was es tun soll und statt selber eine Entscheidung zu treffen, wie es zur kindlichen Entwicklung dazu gehört und zur Selbstsicherheit führen soll, kann es mal kurz eben Mama fragen. Bei älteren Kindern ist sicher die Suchtgefahr anzusprechen, Handysucht ein viel diskutiertes Thema. Mal kurz die Freundin per SMS etwas fragen, wann kommt bloß die Antwort? Warum geht sie nicht ans Handy? Was macht die jetzt? Noch mal eine SMS senden…

 

 Eltern, die die Anschaffung eines Handys dennoch in Betracht ziehen, sollten für sich prüfen, ob ein Handy im Alltag wirklich mehr Sicherheit für das Kind bieten kann. Natürlich ist es nicht einfach, als besorgte Eltern die Kinder in der heutigen Zeit unbeaufsichtigt den Gefahren der Welt draußen auszusetzen. Aber ob eine Dauerüberwachung mit einem Handy besser sein kann, als eine Erziehung zu einem selbstbewussten natürlichen Wesen, sei dahin gestellt.

 
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